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Fachinformation
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Leitlinien zur Primärversorgung von Patienten mit Schädel-Hirn-TraumaWissenschaftlicher Arbeitskreis
Neuroanästhesie
der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und der
Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin und Neurotraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie
An der Erarbeitung der Richtlinien waren beteiligt: Dr. med. Baum, Neurochirurgie, Leopoldina-Krankenhaus,
Schweinfurt Korrespondenzadressen: Prof. Dr. med. J.-P. Jantzen (Wissenschaftlicher Arbeitskreis Neuroanästhesie der DGAI) Prof. Dr. med. J. Piek (Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin / Neurotraumatologie der DGNC)
Die Prognose des Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert. Weil diese Entwicklung bei Patienten mit schwersten Traumen nicht zu beobachten ist, muß die Verbesserung auf die zunehmende Qualität der posttraumatischen Versorgung zuruckgeführt werden. Dies beinhaltet u.a. die Fortschritte der Notfallrettung, der bildgebenden Verfahren, des Neuromonitoring und der Intensivmedizin. Die Wirksamkeit der Behandlung weist in der Frühphase die höchste Effizienz auf ("golden hour of shock"); demzufolge ist eine weitere Verbesserung der Prognose in erster Linie von einer Optimierung der Akutbehandlung in der Prähospitalphase zu erwarten. Verschiedene internationale und interdisziplinäre Expertengruppen arbeiten an Empfehlungen mit dem Ziel der Standardisierung der Primärversorgung des Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma; u.a. die Brain Trauma Foundation, das European Brain Injury Consortium und die European Society for Intensive Care Medicine. Wegen der erheblichen Unterschiede der Infrastruktur und der Ausgestaltung des Rettungswesens stellen international erarbeitete Empfehlungen immer einen Minimalkonsens dar. Ziel der hier formulierten Leitlinien ist die Anpassung an die in Deutschland gegebenen Voraussetzungen. Die Empfehlungen sind von der Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin/Neurotraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und dem Wissenschaftlichen Arbeitskreis Neuroanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) unter Beteiligung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erarbeitet worden und basieren auf dem derzeitigen Stand gesicherter Erkenntnisse. Es liegt in der Natur der Sache, daß derartige Empfehlungen in unregelmäßigen Abständen überarbeitet werden müssen, so wie es sich bei der American Heart Association bewährt hat. Die im folgenden abgedruckten Empfehlungen sind am 20.11.1996 vom erweiterten Vorstand der DGNC und am 29.11.96 vom Präsidium der DGAI gebilligt worden. Für Hinweise zur Fortschreibung dieser Empfehlungen sind die Unterzeichnenden jederzeit dankbar. 1. Vorwort 1. Vorwort
- Sicherung der Vitalfunktionen Atmung und Kreislauf, - Beurteilung der Bewußtseinslage und des Verletzungsmusters, - Stabilisierung der Halswirbelsäule (HWS). Weitere wichtige Faktoren der Erstversorgung sind die Erhebung und Dokumentation des Unfallhergangs sowie Einlieferung des Patienten in eine seiner Verletzungsschwere angemessene Fachabteilung. Nachfolgende Empfehlungen wurden von der Arbeitsgemeinschaft "Intensivmedizin und Neurotraumatologie" der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und dem "Wissenschaftlichen Arbeitskreis Neuroanästhesie" der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin unter Beteiligung der "Sektion Rettungswesen" der DIVI erstellt und seitens der DGAI in den Fußnoten spezifiziert. Die Empfehlungen repräsentieren den allgemeinen aktuellen Stand der Erstversorgung, die jedem Patienten mit einer Schädel-Hirn-Verletzung in Deutschland zuteil werden sollte. * Sanitäter: Rettungsassistent, Arzt: Fachkunde Rettungsdienst oder Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin
2. Epidemiologie der Schädel-Hirn-Verletzungen
3. Untersuchung des Verletzten,
Dokumentation der Befunde Anmerkungen zu dieser Empfehlung: Die Prüfung auf einen Meningismus muß bei Vorliegen eines SHT unterbleiben (wegen möglicher gleichzeitiger HWS-Verletzung). Ein vollständiger Satz aller Einsatzprotokolle verbleibt beim Patienten. Dies sicherzustellen, ist Aufgabe aller zuvor behandelnden Stellen. Um auch im Nachhinein noch offene Fragen klären zu können (z.B. die Frage, ob ein primäres SHT oder ein "Unfall aus innerer Ursache" vorliegt), ist sicherzustellen, daß die Namen des Notarztes und der Rettungsassiatenten auf dem Einsatzprotokoll vermerkt wird.
4. Stabilisierung der Vitalfunktionen Vorbemerkungen Die Prävention der Hypoxämie und Hypotonie ist geeignet, die Prognose von Patienten mit SHT zu verbessern 2,4-6. Aus diesem Grunde sind primäre Behandlungsziele bei Patienten mit SHT die Wiederherstellung bzw. Sicherung von Atmung und Kreislauf an der Unfallstelle und während des Transportes. Die Aufrechterhaltung eines ausreichend hohen zerebralen Perfusionsdruckes (CPP) ist wesentliches Therapieziel im Patientenmanagement nach SHT. Wird die untere Schwelle der zerebralen Autoregulation unterschritten, droht die zerebrale Ischämie. Befunde zum CPP in der Prähospitalphase fehlen. Aus intensivmedizinischen Daten läßt sich extrapolieren, daß bei Erwachsenen mit schwerem SHT zur Vermeidung ischämischer Sekundärschäden ein CPP von 70 mmHg nicht unterschritten werden soll. Bei z.B. nur leicht gesteigertem ICP auf 20 mmHg erfordert dies einen mittleren arteriellen Blutdruck von 90 mmHg (entspricht 120 mmHg systolisch).
Atmung Die Intubation erfolgt primär orotracheal. Bei etwa 10 % aller Patienten mit SHT ist mit einer begleitenden Wirbelsäulenverletzung zu rechnen 7-11, die sich allein klinisch nie ausschließen läßt. Die Intubation erfolgt in leichter Reklination des Kopfes. Dieser wird durch einen Helfer manuell fixiert. Seitwärtsdrehung und Anteflexion sind unbedingt zu vermeiden. Erfolgt die Intubation erst in der Klinik, ist die fiberoptische Intubation zu erwägen. Zur Vermeidung einer akzidentellen Extubation ist unbedingt auf die sichere Fixierung des Tubus während des Transportes und diagnostischer Maßnahmen zu achten. Primär nicht intubationspflichtigen Patienten mit leichteren Verletzungen wird O2 verabreicht (6 L/min. über Maske oder 3 L/min. über Nasensonde). Die Oxygenierung wird pulsoxymetrisch überwacht; die periphere Sauerstoffsättigung soll > 95 % betragen. Die Möglichkeit der Fehlmessung durch Hypothermie und Zentralisation muß bedacht werden. Bei der Beatmung wird beim normotonen Erwachsenen die Normoventilation angestrebt; bei kapnometrischer Überwachung entspricht dies einem endexspiratorischen CO2-Partialdruck (PET CO2) von ca. 35 mmHg. Die "prophylaktische" Hyperventilation kann eine zerebrale Ischämie verstärken 12,13 und ist in der Prähospitalphase zu vermeiden.
** Der bei jedem Traumapatienten gegebenen besonderen Aspirationsgefahr (Pat. ist nie als nüchtern anzusehen, überdurchschnittlich häufig kommt es zum Erbrechen) ist Rechnung zu tragen.
Kreislauf
Volumentherapie Analgetika, Sedativa
*** Die Analgosedierung des spontanatmenden Patienten erfolgt zurückhaltend und titriert; bei Kombination von Opioiden mit Benzodiazepinen ist von einer wesentlichen Beeinträchtigung der Spontanatmung auszugehen. Im Einzelfall, z.B. bei eingeklemmten Patienten, kann niedrig dosiertes Ketamin verabreicht werden.
Vasoaktive Substanzen
"Neuroprotektive" Medikamente
6. Wundversorgung/Wundbehandlung
7. Transport und Überwachung des Patienten Monitoring Bei Patienten mit mittelschweren und schweren SHT werden neben den Kreislauf- und Beatmungsparametern die kontinuierliche Pulsoxymetrie (DIN EN 865) und bei beatmeten Patienten die Kapnometrie (DIN EN 864) in das Atemmonitoring einbezogen. Die Überwachung der inspiratorischen Sauerstoffkonzentration erfolgt mit Sauerstoffmonitoren nach DIN EN 12598. Liegen keine Begleitverletzungen vor, werden Patienten mit leichtem SHT zumindest mit Kranken- oder Rettungswagen, Patienten mit mittelschwerem oder schwerem SHT mit notarztbesetzten Rettungsmitteln transportiert. Die Entscheidung, ob der Transport eines Verletzten mit SHT auf dem Land- oder Luftweg erfolgt, ist von der individuellen Situation abhängig zu machen. Es sollte stets dem Transportmittel der Vorzug gegeben werden, das den Patienten auf dem schnellsten und schonendsten Wege in die nächste geeignete Klinik transportiert ****. Bis zum endgültigen radiologischen Ausschluß einer HWS-Verletzung (bis BWK 1) ist bei allen Patienten mit SHT die Halswirbelsäule gesondert zu immobilisieren. Bei stabilen Kreislaufverhältnissen empfiehlt sich die Hochlagerung des Oberkörpers bis 30o. Bei instabilem Kreislauf wird der Patient flach gelagert. **** Die Eignung des Krankenhauses ergibt sich aus dem Verletzungmuster und der Entfernung. Eine detaillierte Voranmeldung bei dem anzufahrenden Krankenhaus ist erforderlich.
Sichtung Liegt ein isoliertes Schädel-Hirn-Trauma vor, müssen im erstversorgenden Krankenhaus folgende Voraussetzungen gegeben sein:
# Wache bzw. nur leicht bewußtseinsgetrübte Patienten mit SHT und Schädelfraktur haben ein besonders großes Risiko, eine operationswürdige intrakranielle Blutung zu entwickeln 19. ## Gerade Patienten mit mittelschwerem SHT haben ein besonders großes Risiko, intrakranielle Komplikationen zu entwickeln und an diesen zu sterben ("talk and die" - Patienten; 7, 20-24).
8. Definitionen, Abkürzungen
Schweres SHT: GCS 3 - 8 Punkte Mittelschweres SHT: GCS 9 - 12 Punkte Leichtes SHT: GCS 13 - 15 Punkte Direkt offenes SHT: durchgehende Verletzung von Kopfschwarte, Schädelknochen und Dura, d.h. direkte Kommunikation des intrakraniellen mit dem extrakraniellen Raum. Indirekt offenes SHT: Kommunikation des intra- mit dem extrakraniellen Raum über Eröffnung von Nebenhöhlen (z.B. bei frontobasaler Fraktur). ICP = intrakranieller Druck MAP = mittlerer arterieller Blutdruck CPP = zerebraler Perfusionsdruck (definiert als MAP - ICP) GCS = Glasgow Coma Scale DIVI = Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin
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